Von Alexandra Ringendahl, 23.12.11, 17:18h
Lebensfrohes Paar
Wenn die 41-Jährige mit ihren zehn Monate alten Drillingsmädels in Brühl unterwegs ist, muss sie sich so einige Kommentare anhören. Vor allem, wenn sie neben dem zehn Monate alten Trio noch ihre beiden älteren Sprösslinge Valentin (6) und Carolina (4) mit im Schlepptau hat. „Auch Kommentare wie ‚Ich würde mich erschießen‘ kann ich mir dann anhören.“ So weit würden Claudia Klemm und ihr Mann Jochen Schinner (45) niemals gehen. Der Kindersegen ist für die Brühler Familie ein großes Geschenk: „Wenn ich morgens in die Gesichter unserer fünf Kinder schaue, sind der Stress und die durchwachten Nächte vergessen“, sagt Jochen Schinner. Fünf kleine, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten aufwachsen zu sehen sei etwas Wunderbares. Trotzdem ist dem lebensfrohen Paar jede idyllische Verklärung fern. Dass das Leben mit dem Kindersegen auch eine dauerhafte Grenzerfahrung ist, die sie mit viel Grundoptimismus und der Konzentration auf das Wesentliche meistern, bekennen die Eltern offen. „Als mir der Arzt gesagt hat, dass wir Drillinge erwarten, war das ein Schock, der mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat.“ Und ihrem Mann sei bei der Nachricht der Hörer aus der Hand gefallen. „Der brauchte erst mal einen Schnaps.“ Aber Zeit zum langen Nachdenken gab es für die beiden nicht: Der Job und die zwei Kleinkinder daheim, der Alltag ging einfach darüber hinweg. „Die Horrorgeschichten von Drillingsschwangerschaften im Internet habe ich mir gar nicht erst angeschaut.“ Irgendwie schaffen wir das, davon seien sie von Anfang an fest ausgegangen.
Die Juristin wusste nur eins: Das Leben sollte auch mit fünf Kindern nicht nur aus Windeln, Geschrei und Babybrei bestehen. Dass sie ihre Teilzeittägigkeit bei einem großen Telekommunikationsunternehmen braucht, um ihr seelisches Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, war beiden Partnern klar. „Outsourcen war angesagt.“ Der Rest war eine Sache von Organisation und Logistik. Kinderfrau suchen, Putzhilfe, Kleinbus. Und natürlich eine größere Mülltonne: für derzeit immer noch 450 Windeln im Monat. Das Telefon klingelt. Die Mutter klemmt sich Isabella unter den einen Arm, die quengelnde Helena unter den anderen und den Hörer unters Kinn. Das Versenden von Mails funktioniert nicht, für ihr Homeoffice ein echtes Handicap. „Ich bin auf die Mails angewiesen“, sagt sie dem Techniker am anderen Ende. An drei Tagen die Woche arbeitet sie von zu Hause, zwei Tage fährt sie ins Büro. Die Drillinge sind bis 14 Uhr bei der Kinderfrau. Carolin geht in den Kindergarten, Valentin ist stolzer Erstklässler und geht in die Offene Ganztagsschule.
Jetzt, nach 15 Uhr, wird es richtig turbulent in dem Haus am Berliner Ring: Während sich die beiden Großen mit den Füßen beharken, sitzt Viona – die Ruhigste des Trios – als begeisterte Zuschauerin vor Freude glucksend unter dem Tisch. Isabella stopft sichquengelnd eine Feder in den Mund, die sie auf dem Boden aufgestöbert hat, und Helena knabbert am Schuhabsatz der Besucherin. Im Hintergrund arbeitet der Trockner auf Hochtouren: Mindestens zwei Maschinen Wäsche pro Tag. „Das Bügeln habe ich eingestellt“, sagte Claudia Klemm lachend. Gerade jetzt, da das Triomobil geworden ist, müssen die Ressourcen noch mal optimiert werden: „Im Moment ist es sehr anstrengend.“ Die drei krabbeln überall hinterher, hängen sich ans Bein ihrer Mutter, räumen Schränke aus oder brüllen kollektiv, wenn man ihren Bewegungsdrang durch ein Absperrgitter einschränkt: „Das geht gar nicht.“
Dass sie als fünffache Mutter berufstätig ist, stößt nicht überall auf Verständnis. Da werde man schon gefragt, ob das funktioniere. „Würdet ihr einem Mann die gleiche Frage stellen?“, fragt sie dann immer zurück.Sie selbst sei dank der begrenzten Zeit im Büro top organisiert: „Ich bekomme meine Arbeit bis 16 Uhr geregelt. Wer bis 24 Uhr im Büro ist, der ist einfach nicht gut organisiert.“ Auch zu Hause sind Claudia Klemm und Jochen Schinner ein gutes Team: Bei fünf Kindern gibt es keineFreizeitpapis. Schinner ist Lehrer am Berufskolleg und voll einbezogen in die Familienarbeit. Auch nachts sind beide gemeinschaftlich im Einsatz: „Der Schlafentzug, der ist das eigentlich Zehrende“, sagt Claudia Klemm. Aber wenn einer der beiden mal so richtig durchhängt, gibt es vom Partner den größtmöglichen Liebesbeweis: eine ungestörte Nacht in der Kammer unter dem Dach. „So eine durchgeschlafene Nacht ist ein riesiges Geschenk“, sagt Schinner. Und manchmal, ganz selten, leisten sie sich einen ganz besonderen Luxus: ein gemeinsames Wochenende ohne Kinder. Vier Babysitter waren dafür kürzlich am Start, um das Programm daheim am Laufen zu halten. Nischen ohne Kinder müsse man mit aller Entschlossenheit nutzen und sich dann auch zwingen, gar nicht erst daheim anzurufen, verrät Klemm ihr Entspannungsrezept.
Staubsauger als Feierabendsignal
Valentin und Carolina haben inzwischen die Küchenablage erklommen und laben sich an der Keksdose. Der Abendwahnsinn wirft seine Schatten voraus: Die Drillinge quengeln, die Großen sind aufgekratzt. Wenn dann um 20 Uhr endlich Ruhe aufkommt und das Spielzeugchaos beseitigt ist, läutet der Staubsauger den Feierabend ein: Sobald die geballte Ladung Krümel, Obststückchen und Sand aufgesogen ist, kann der schmale Feierabend kommen. Das Weihnachtsfest empfindet die Familie in diesem Jahr als etwas ganz Besonderes: Im vorigen Jahr saß Claudia Klemm mit dickem Bauch unterm Weihnachtsbaum. Da habe sich doch beim Blick ins neue Jahr bisweilen ein beklommenes Gefühl eingestellt. Zumindest jede Menge Respekt. Doch das Jahr 2010 hat sie bestätigt in dem, was sie ohnehin zum Lebensprinzip erkoren haben: „Mit unbedingter Zuversicht kann man vieles schaffen, wenn man will.“
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