Von Uli Kreikebaum, 19.10.09, 16:53h
Als der Teenager Norbert Conzen seinem Hürther Realschullehrer seine Mappe mit Zeichnungen zeigte, „hätte der mir fast eine runtergehauen“, erinnert sich der heute 55-Jährige. „Warum hast du mir das nie gesagt? Du kannst an der Werkschule studieren“, habe der Lehrer gesagt - und läutete damit eine künstlerische Laufbahn ein, die nun einen weiteren Höhepunkt erfährt: Mit seinem Film „Waldsterben“ ist Conzen bei vier Kurzfilmfestivals für einen Preis nominiert.
Max-Ernst-Stipendium
Beim Internationalen Shortmoves-Kurzfilmfestival in Halle / Saale kamen insgesamt 24 Kurzfilme unter Hunderten eingesandten in die engere Preisauswahl. In Aarau (Schweiz) läuft eine Kurzversion des Waldsterben-Films. Das Festival „Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation“ ist populär, weil für das Projekt Filmemacher wie Tom Tykwer und Fatih Akin stehen. Besonders freut sich Conzen, dass er auch zum Internationalen Kurzfilmfest München eingeladen wurde.
Als 21-Jähriger erhielt Norbert Conzen 1976 das Max-Ernst-Stipendium, damit ist er bis heute der jüngste Preisträger. Der Wahl-Walberberger realisierte Filme für Arte, ZDF und den WDR, bestritt Ausstellungen mit seinen Bildern, Installationen, Zeichnungen und Fotografien und gestaltet jedes Jahr den Hürther Kulturkalender. Den Großteil seines Geldes verdient er jedoch als Produktdesigner.
Als „Allrounder“ bezeichnet sich Norbert Conzen selbst. Dass er mit seinem Kurzfilm „Waldsterben“ nun gleich zu vier Festivals fahren darf, wundert den gebürtigen Hürther: „Ich hatte das noch nie gemacht. Und ich hätte nie gedacht, mit so einem Thema Interesse wecken zu können.“
Conzens Kurzfilm ist keine leichte Kost: „Totentanz“ nennt er die surreale Bildfolge, für die er sich zweier Techniken bedient. Das Absterben der Bäume empfindet der Künstler nach, indem er in regelmäßigen Abständen Äste ins Bild fallen lässt. Eine besondere Ästhetik verleiht er dem Grauen, indem er die Bilder mit Hilfe eines Computerprogramms spiegelt: Die Äste, die zu Boden fallen, scheinen zu schweben, jedes Zittern nach dem Aufprall wird festgehalten. Im Hintergrund sind Singvögel zu hören, die eher bedrohlich als munter klingen.
„Die Katastrophe lässt sich ästhetisch darstellen“, sagt Conzen, wendet aber gleich ein, dass er mit „Waldsterben“ keinen Katastrophenfilm machen wollte: So ideologisch sei er nicht mehr; die Zeit, als er mit den Grünen gegen die Kernkraft und das Waldsterben kämpfte, sei vorbei. Die Ästhetik wolle er durch die Brechungen der Bilder schaffen. Es brauche - heutzutage mehr denn je - einen Anreiz, um hinzugucken und dabei zu bleiben. Dass es darum geht, Sehreize zu schaffen, habe er bei der Ausstellung zum Pressefoto des Jahres gelernt: Auf den Bildern ist meist viel Blut und Leid zu sehen, fotografiert aus überraschender Perspektive. „Die Bilder sind rein ästhetisch“, sagt Conzen. Auf diese Konvention, immerhin, lässt er sich ein. Ein wiederkehrendes Motiv in Conzens Filmen ist neben der Spiegelung die Langsamkeit. Die Kamera verharrt minutenlang oder wird im Schneckentempo gedreht, um unscheinbare Lichtreflexe oder Bewegungen mit Bedeutung aufzuladen. „Wir leben in einer Zeit des Bilderspektakels, in der niemand mehr richtig hinguckt. Wenn die Leute sich jetzt schon für meine Filme interessieren und in zehn Jahren, wenn sie von der Schnelligkeit genug haben, vielleicht noch mehr, dann freut mich das natürlich.“ Conzen sagt das langsam, in rheinischem Tonfall. Die Zeit kann ihm, so scheint es, nichts anhaben.
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